Von Maasat Tscharinowa
Prolog
Es war mein lang gehegter Wunsch, einmal ins Land von Goethe und Heine zu kommen, ins Land der blitzblankgeputzten Straßen; ich hatte mich in deutsche Literatur vertieft, deutsche Liedern gehört und versucht, die Texte zu verstehen. Ein zufälliges Treffen in der Liga junger Journalisten in Moskau ließ mein Wintermärchen in Erfüllung gehen: nun bin ich in Berlin. Die Begegnungen, Reisen und Eindrücke sind so vielfältig und verschieden, dass sie sich nicht zu einem einheitlichen Bild von Berlin fügen. Es sind Mosaikstücke, die eher an die Episoden aus dem Film „Paris, ich liebe dich“ erinnern.
Unsere Arbeit in Berlin
Fünf Journalisten aus Russland und fünf aus Deutschland verbrachten als Teilnehmer eines Rechercheworkshops im Rahmen des Austauschprogramms zwischen Junpress (Russland) und dem PNJ (Pressenetzwerk für Jugendthemen, Deutschland) fünf Tage in Berlin. Die Idee war, in deutsch-russischen Paaren zu bestimmten Themen zu recherchieren. Meine deutsche Partnerin Christine Roskopf, die in Köln beim Radiosender „1LIVE“ arbeitet, hatte das Thema „Russen in Deutschland, Deutsche in Russland“ gewählt. Ich habe das Thema noch etwas eingeengt und in Dagestan mit Deutschen und in Berlin mit Dagestanern gesprochen.
Christine und ich besuchten ein russisches Begegnungszentrum, in dem wir Leute trafen, die ihre Heimat verlassen haben, um in die Heimat ihrer Vorfahren zurückzukehren. In den Augen ihrer Landsleute sind sie Glückspilze, die das „Gelobte Land“ erreicht haben, hier hingegen fühlen sie sich überall als Menschen „zweiter Klasse“, als Fremde. Solche Zentren wurden in verschiedenen Stadtbezirken eingerichtet, um den frischgebackenen deutschen Staatsbürgern das Einleben in der ihnen fremden Umgebung zu erleichtern.
Wir schauten uns auch einen der vielen russischen Läden, die es in Berlin gibt, an: den Supermarkt „Stolitschny“. Die Einrichtung erinnerte an sowjetische Geschäfte. An einer Wand prangte die Basiliuskathedrale, für die Deutschen Sinnbild für Russland, und vor dem Laden stand ein nicht minder typisches Baltika-Bierzelt. Vertraute und mir unbekannte russische Lebensmittel füllten die Regale. „Warum kaufen Sie Baltika-3? Es gibt doch sehr gutes deutsches Bier!“, fragte ich, erfreut darüber, Russisch sprechen zu können, eine Kundin. „Ich habe meinen Vater nach Deutschland geholt, und der trinkt kein anderes Bier.“
In der Redaktion der Zeitschrift „fluter“ erfuhren wir mehr über Jugendpresse in Deutschland. fluter ist eine staatlich finanzierte Zeitung, die es online und einmal im Quartal auch als Druckausgabe gibt. Letztere wird kostenlos unter Jugendlichen verteilt, weshalb die Aufmachung der Zeitschrift auch nicht so reißerisch sein muss wie bei anderen Blättern, die um die Gunst der Leser buhlen müssen.
Schließlich hatten wir noch ein Treffen mit Vertretern von Jugendorganisationen deutscher Parteien. Ich war beeindruckt davon, wie verschieden sie waren und wie die „Erwachsenenparteien“ sich ihren Nachwuchs heranziehen, indem sie ihn in die Kunst der Politik einweisen. In Dagestan arbeitet einzig die Regierungspartei so mit ihrem jugendlichen Nachwuchs.
Haus der Kulturen der Welt
Der Park vor dem Haus der Kulturen der Welt ganz in der Nähe des Brandenburger Tors hat bei mir wohl den tiefsten Eindruck hinterlassen. Überhaupt überraschte Berlin mich immer wieder mit seinem Nebeneinander von Betriebsamkeit und Ruhe. Nach dem Grau von Straßen und Plätzen versetzten mich die impressionistisch anmutenden gelben und roten Farbkleckse im Tiergarten sogleich in eine freudig-erregte, wunderbar leichte Stimmung. Die Luft wollte mit dem ganzen Körper eingesogen werden. Die Augen saugten sich in dieser Luft an jedem Baum, jedem Blatt fest, um die Schönheit in sich aufzunehmen. Dieser Wunsch nach Schönheit war so egoistisch, dass er sogar den beruflich bedingten Fotografiertrieb unterdrückte. Mit war klar, dass das Objektiv den Eindruck zerstören würde, auf dem Foto würde nur ein lebloses Abbild der Natur zu sehen sein. Ich musste also versuchen, diese Verbindung des leicht bitteren Geruchs und der Farben des Herbstes in mir zu bewahren.
Wir hatten noch 10 Minuten Zeit bis zum Termin im Haus der Kulturen der Welt, weshalb meine Begleiterin und ich langsam gingen und uns die geheimnisvollen Holzbauten ansahen, die einige Bäume schmückten und an Nistkästen erinnerten. Und plötzlich… ertönten seltsame, magische Klänge. Das Tönen füllte alles aus, drehte sich mit den fallenden Blättern, wirbelte über das unter unseren Füßen verstummte Laub. Die Realität war weit weg, irgendwo in einer anderen Dimension. Die Seele lauschte dem Klang der Bäume voller Furcht, ihn zu verschrecken, und war außerstande, den Körper wieder in seinen irdischen Alltag zurückzuholen.
Quelle der Magie war ein Turm, in dem sich ein Carillon befindet – ein großes, aus 68 Glocken (die größte mit einem Gewicht von 7,8 Tonnen) bestehendes Musikinstrument mit einer Klaviatur, die einen Tonumfang von fünfeinhalb Oktaven abdeckt. Es ist eines der größten Carillons in Europa und das viertgrößte auf der Welt. Der Carillonneur sitzt inmitten der Glocken in einer Spielkabine und betätigt mit Händen und Füßen die Tasten und Pedale. Das geschieht einmal in der Woche für 5-10 Minuten, und ich hatte das Glück, genau in diesem Moment dort zu sein. Aber jetzt mal schön der Reihe nach.
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