Journalistische Unabhängigkeit lehren, aber wie?

Von Marco Heuer

Am Freien Russisch-Deutschen Institut für Publizistik in Moskau treffen deutschen Gastprofessoren und Praktiker auf neugierige, aber ebenso autoritär sozialisierte Studenten

Im April 1993 beschlossen Vertreter der Journalistischen Fakultät der Lomonossow-Universität in Moskau ein Freies Russisch-Deutsches Institut für Publizistik, kurz FRDIP, einzurichten. Anderthalb Jahre später wurde es eröffnet. Ziel des FRDIP´s ist es unter anderem, Journalisten im Bereich russische und europäische Medien aus- und weiterzubilden. Das Institut befindet sich gleich gegenüber dem Kreml. Doch allzu große Nähe zur oberen politischen Kaste in Russland versucht man hier zu vermeiden. Ein Interview mit Prof. Dr. Mike Friedrichsen, Direktor an der Stuttgarter Media University sowie Lehrbeauftragter am FRDIP.
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03 2010

Ballast der Republik

Von Juri Schinkarenko

Ein leichter, spielerischer Erzählton schien mir angemessen für meinen Bericht über den Besuch eines von Punks besetzten Hauses. Allein er will mir nicht gelingen…

Die Punks in der Brunnenstraße 183 nennen das Haus selbst „Ballast der Republik“. Und das klingt bitter-ironisch.
Der Name „Ballast der Republik“ steht für das, was rund um das besetzte Haus geschieht. Darin steckt ein Wortspiel mit Bezug auf die jüngste deutsche Geschichte. „Palast der Republik“ hieß ein monumentales Bauwerk, das zu DDR-Zeiten Unter den Linden gebaut wurde. Nach der Wiedervereinigung begannen die Diskussionen. Ein Teil der Berliner stimmte für den Abriss des Palastes, weil er ein Symbol vergangener Zeiten sei. Andere stimmten dagegen.

Es siegten die ersten: inzwischen befindet sich an dem Ort, wo einmal der Palast der Republik stand, eine perfekt eingeebnete Wiese. Der Sieg der rechten Geisteshaltung hat es möglich gemacht, sich Symbole der Linken vom Hals zu schaffen (und genau das war der Palast der Republik gewesen – ein Symbol des linken, sozialistischen Deutschlands.)
Aber während man noch diskutierte, entstand ein neues linkes (linksradikales) Symbol: der „Ballast der Republik“.

Wenn man der deutschen Wikipedia Glauben schenken will, dann hat im Jahr 1990 eine Gruppe linker junger Leute zwei Gebäudekomplexe in der Brunnenstraße (die Häuser Nr. 7 und 183) besetzt. 1991 wurde die Brunnenstraße 7 durch den Abschluss unbefristeter Mietverträge legalisiert. „Nachdem 1998 der Eigentümer gewechselt hatte, wurde ein Teil der Mietverträge gekündigt und daraufhin durch 300 Polizisten geräumt“, so die deutsche Wikipedia.

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03 2010

Hardcore ist mehr als Musik, Hardcore ist Freiheit

Von Tobias Kolb und Maria Ryhzova

Hardcore zählt zu einer der politischsten Jugendbewegungen. Antisexistisch, Antikapitalistisch, Antirassistisch – so die Eckpfeiler dieser Subkultur, deren Mitglieder in der Gesellschaft kaum auffallen, jedoch einen Lebensstil führen, der vom Alltäglichen weit abweicht. Hardcore in Berlin, Hardcore in Moskau – zwei Metropolen, eine Szene? Eine Bestandsaufnahme.

IMG_7152„Russland ist anders“, erklärt Marc Nickel, Inhaber von MAD-Booking, eine der größten Konzertagenturen für Hardcore- und Punkkonzerte weltweit. Seit Mitte der 1980er Jahre organisiert der Berliner Hardcore-Konzerte und Tourneen. Mittlerweile in der ganzen Welt. Nickels sitzt in einem Berliner Café in der Nähe der East Side Galerie. Er beugt sich nach vorne, flüstert fast: „Die Hardcore-Szene in Russland wächst momentan gewaltig. Moskau und Sankt Petersburg sind die Zentren. Aber es kann auch passieren, dass jemand anruft und sagt, er habe 20.000 Euro  und möchte, dass ein paar Hardcore-Bands bei ihm spielen. Irgend so ein Typ aus der Nähe des Schwarzen Meers, irgendein reicher Sohn eines Ölmagnaten. So etwas gibt es eben nur in Russland. Geld spielt da oftmals nicht so eine große Rolle. Solche Konzerte haben wir auch schon organisiert.“

Nickels lässt sich entspannt auf seinen Sitz zurückgleiten, nimmt einen Schluck Grünen Tee. Seine tätowierten Oberarme sind vor seinem massigen Oberkörper verschränkt. Auf seinem T-Shirt prangt das Ramones-Logo in leicht abgeänderter Form. Übergroß auf seiner Brust ist anstatt des Ramones-Schriftzug „The Nickels“ zu lesen. Dort, wo für gewöhnlich die Namen der Musiker stehen, sind die Namen seiner Kinder und seiner Frau aufgeführt. Das Shirt sei ein Geschenk eines Freundes, der Merchandise für Hardcore-Bands herstelle. Er habe es extra für Marc und seine Familie designt. „Es sind eben die kleinen Dinge im Leben, die einem dann Freude machen, wenn man so lange im Hardcore aktiv ist wie ich“, so Nickel wörtlich. Der gebürtige Berliner nippt nochmals am Grünen Tee, erzählt, dass er seit über drei Dekaden Mitglied in der Berliner Hardcore-Szene sei: „Ich bin in Berlin auf den Straßen groß geworden und habe 1978 die Punkbewegung so richtig mitbekommen. So kam ich zur Szene, als Punk. Punkrock, Skinheads, Hooligan-Bewegung, Hardcore – das war damals alles das gleiche. Wir waren alle Punks. Am Anfang!“ Nur irgendwann war Nickel der Lebensstil als Punk zu extrem. Er hatte genug von Alkohol, Drogen und „No Future“; fand den Lebensstil zu zerstörerisch. Durch die permanenten Drogen-Exzessen, durch das ständige ,Sich-hängen-lassen’ der Punks katapultierte sich die Bewegung in eine Sackgasse. Für Nickel sind dies auch die Gründe, warum sich die Berliner Szene aufspaltete. Aufspaltete in die kaputten Punks und in die Hardcore-Anhänger, die etwas kreieren, etwas Neues erschaffen wollten. „Wir wollten die politischen Ideale ausbauen und die Gesellschaft revolutionieren. Eigentlich war das auch die Philosophie des Punks. Aber wie soll das gehen, wenn man permanent breit ist. Wir sahen uns nicht mehr als Opfer der Gesellschaft, sondern als Kampfansage an eben diese. Wir wollten etwas verändern. Das ist eigentlich für mich Hardcore“, erklärt Nickel und seine Augen leuchten.
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03 2010

Jugendliche aus zwei Ländern: Russland und Deutschland

Von Marija Knjasewa

Was haben Freiwillige, Studenten von Hoch- und Fachschulen, Pfadfinder und unpolitische Punks gemein? Scheinbar nichts. Doch selbst wenn sie noch so verschieden sind, selbst wenn sie gar in unterschiedlichen Ländern leben, eines eint sie alle: sie sind Jugendliche.

IMG_7249Vom 18. bis zum 22. Oktober fand in Moskau das Jugendrechercheseminar im Rahmen des Austauschprogramms zwischen Junpress (Russland) und dem Pressenetzwerk für Jugendthemen (Deutschland) statt. Zehn Journalisten aus Deutschland und  Russland nahmen an dem Seminar teil und recherchierten paarweise zu bestimmten Themen. Ich hatte das Glück, zu den TeilnehmerInnen des Seminars zu gehören. Drei Tage lang versuchten Journalisten bekannter deutscher Medien zu verstehen, was die russische Jugend bewegt. Die deutschen Kollegen wollten wissen, wie Jugendliche an Politik und Gesellschaft teilhaben, wie es um Freiwilligenarbeit, um Jugend und Orthodoxie oder um Jugendkulturen, etwa Hardcorepunk und Techno, bestellt ist.

Gleich am ersten Seminartag standen die meisten Termine auf dem Programm. Am Vormittag fand in den Räumlichkeiten von „Junpress“ ein runder Tisch mit Vertretern verschiedener Vereine und Organisationen statt. Vertreten waren der Russische Jugendbund, eine Pfadfinder-Organisation, der Deutsche Jugendverein, die Organisation „Junge Hauptstadt“, die Young-Leaders-Association und andere. Die Seminarteilnehmer konnten einzelne Vertreter später noch interviewen. Außerdem gab es interessante Gespräche mit Studenten einer Moskauer Fachschule und mit zwei Musikern der Band „Plush fish“. Die Studenten der Baufachschule berichteten von ihren Zukunftsplänen und -perspektiven: sie wollen später ein Abend- oder Fernstudium an einer Hochschule absolvieren und gleichzeitig arbeiten.

Die Punks erzählten, was sie über die Hardcorepunk- und Punkszene in Russland und anderen Ländern denken, über Neonazismus und Antifaschismus, Punks und Straight edge, Politik und Macht in Russland. Abends waren einige Journalisten zu Gast im Russisch-Deutschen Institut für Publizistik an der Fakultät für Journalistik der Moskauer Staatlichen Universität (Lomonossow-Universität). Andere sprachen mit der jungen Rap-Band „Defakta“. Die deutschen Journalisten stellten täglich kurze Texte über das in Russland Erlebte auf einen Blog, auf den man über die Website des PNJ gelangt.

Am zweiten Tag teilten wir uns auf: einige trafen sich mit Freiwilligen der Organisation „Ein Heim für Kinder“, andere gingen zur Rechtsberatungsmesse für Jugendliche im Moskauer Institut für Stahl und Legierungen. Nachmittags fand im Föderationsrat ein Treffen mit Alexander Schkolnik statt, der Fragen der deutschen und russischen Journalisten beantwortete. Ich selbst begleitete Journalisten der Deutschen Welle und von „1Live“ auf die Messe. Dort erfuhren sie, welche Fragen von Jugendlichen am häufigsten gestellt werden, wie die Rechtsexperten den Jugendlichen auf dieser Messe und darüber hinaus helfen, welche psychologische Beratung man in Anspruch nehmen kann und wie die Messe organisiert wird. Außerdem führten sie ein Interview mit einem Experten für Militärrecht. Die deutschen Journalisten hatten Fragen zum Militärdienst und vor allem zum Zivildienst, da in Deutschland wenig über die Wehrpflicht in Russland bekannt ist. Sie waren erstaunt zu hören, dass der Zivildienst sich in Russland keiner besonderen Beliebtheit erfreut und dass Jugendliche überhaupt nur ungern über ihre Einberufung sprechen. Im Gegensatz dazu gehöre ein abgeleisteter Militärdienst in Deutschland zum guten Ton.

Am letzten Seminartag gab es eine Auswertungsrunde, wurden Meinungen und Wünsche geäußert. Bei einigen der russischen Journalisten spürte man großes Interesse an den Themen ihrer deutschen Kollegen, sie äußerten den Wunsch, hierzu in Deutschland weiterzurecherchieren. Doch mehr darüber in der nächsten Ausgabe.

Marija Knjasewa, Moskau

Artikel von Marija Knjasewa erschienen in der Zeitung „Ty – litschnost“ („Du bist eine Persönlichkeit“), Dezember 2009, S. 7 / Und auf der Website http://www.volkey.ru/index.php?newsid=2040 (Volkey Jugendzeitschrift)

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03 2010

Unterschiede in der Hasskultur

Von Diane Hielscher

In Moskau sind Punks wesentlich bescheidener als in Berlin – während in Berlin Häuser besetzt und geräumt werden, wären die Punks in Russlands Hauptstadt schon froh, wenn sie einfach mal in Ruhe Bier trinken könnten.
Diane Hielscher über die Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Hasskultur Russischer und Deutscher Punks.

Am Hals sind Saschas Tattoos rot und schwarz, an den Armen bunt, er hat ein Piercing in der Lippe, riesige Ringe in den Ohren und ist ein sympathischer Spaß-Punk. Lieber Junge. Greenday-Hörer.
Während ich mit ihm und seinem Band-Kollegen Kyrill spreche habe ich den Eindruck, in Russland sei hassen weniger komplex als in Deutschland. Hier ist nicht die Rede vom System, dem Kapitalismus oder den Investoren.
Sascha erzählt mir von dem Typen heute Morgen auf der Straße. Der ist mit seinem fetten schwarzen Auto einfach über die Straßenbahnschienen gefahren, direkt am Stau vorbei. Aber wer soll ihn denn aufhalten? Höchstens ein korrupter Polizist. „Leute, die Geld haben, können sich hier eben alles erlauben.“

Sascha ist Frontmann der russischen Punk-Band Plush Fish. Er und Kyrill gehören offenbar zu einer Art Wellness-Punk-Bewegung. Sie wollen nicht protestieren oder provozieren. Sie wollen eigentlich nur in Ruhe gelassen werden.
„Es stimmt nicht, dass Punk eine Form von Protest ist.“ sagt Kyrill.  „Du kannst von dir behaupten, Punk zu sein, wenn du völlig unabhängig bist. Je weniger man von irgendwas abhängig ist, desto freier ist man natürlich. Das ist für mich Punk. Diese Freiheit! Es kommt nicht drauf an, sich mit der Staatsmacht zu schlagen oder sonst irgendwas.“
Wenn die Sonne scheint und die beiden sich darüber freuen, dann schreiben sie das in ihre Texte und singen drüber, erzählen sie mir. Sonne, aha.

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03 2010

Jugendpresse von Moskau bis Berlin

Von Marija Knjasewa

Tagebuch eines deutsch-russischen Rechercheworkshops

Vom 8. bis zum 12. November fand nun der zweite Teil des Rechercheworkshops zum Thema Jugend im Rahmen eines Austauschprogramms zwischen Junpress (Russland) und PNJ (Pressenetzwerk für Jugendthemen, Deutschland) statt. Diesmal fuhren wir, fünf Journalisten aus Russland, nach Berlin und recherchierten gemeinsam mit Journalisten aus Deutschland zu den Themen deutscher Journalismus und Leben der Jugendlichen. Und los geht’s…

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03 2010

Berlin, ich liebe dich

Von Maasat Tscharinowa

Prolog

IMG_7539Es war mein lang gehegter Wunsch, einmal ins Land von Goethe und Heine zu kommen, ins Land der blitzblankgeputzten Straßen; ich hatte mich in deutsche Literatur vertieft, deutsche Liedern gehört und versucht, die Texte zu verstehen. Ein zufälliges Treffen in der Liga junger Journalisten in Moskau ließ mein Wintermärchen in Erfüllung gehen: nun bin ich in Berlin. Die Begegnungen, Reisen und Eindrücke sind so vielfältig und verschieden, dass sie sich nicht zu einem einheitlichen Bild von Berlin fügen. Es sind Mosaikstücke, die eher an die Episoden aus dem Film „Paris, ich liebe dich“ erinnern.

Unsere Arbeit in Berlin

Fünf Journalisten aus Russland und fünf aus Deutschland verbrachten als Teilnehmer eines Rechercheworkshops im Rahmen des Austauschprogramms zwischen Junpress (Russland) und dem PNJ (Pressenetzwerk für Jugendthemen, Deutschland) fünf Tage in Berlin. Die Idee war, in deutsch-russischen Paaren zu bestimmten Themen zu recherchieren. Meine deutsche Partnerin Christine Roskopf, die in Köln beim Radiosender „1LIVE“ arbeitet, hatte das Thema „Russen in Deutschland, Deutsche in Russland“ gewählt. Ich habe das Thema noch etwas eingeengt und in Dagestan mit Deutschen und in Berlin mit Dagestanern gesprochen.
Christine und ich besuchten ein russisches Begegnungszentrum, in dem wir Leute trafen, die ihre Heimat verlassen haben, um in die Heimat ihrer Vorfahren zurückzukehren. In den Augen ihrer Landsleute sind sie Glückspilze, die das „Gelobte Land“ erreicht haben, hier hingegen fühlen sie sich überall als Menschen „zweiter Klasse“, als Fremde. Solche Zentren wurden in verschiedenen Stadtbezirken eingerichtet, um den frischgebackenen deutschen Staatsbürgern das Einleben in der ihnen fremden Umgebung zu erleichtern.

Wir schauten uns auch einen der vielen russischen Läden, die es in Berlin gibt, an: den Supermarkt „Stolitschny“. Die Einrichtung erinnerte an sowjetische Geschäfte. An einer Wand prangte die Basiliuskathedrale, für die Deutschen Sinnbild für Russland, und vor dem Laden stand ein nicht minder typisches Baltika-Bierzelt. Vertraute und mir unbekannte russische Lebensmittel füllten die Regale. „Warum kaufen Sie Baltika-3? Es gibt doch sehr gutes deutsches Bier!“, fragte ich, erfreut darüber, Russisch sprechen zu können, eine Kundin. „Ich habe meinen Vater nach Deutschland geholt, und der trinkt kein anderes Bier.“
In der Redaktion der Zeitschrift „fluter“ erfuhren wir mehr über Jugendpresse in Deutschland. fluter ist eine staatlich finanzierte Zeitung, die es online und einmal im Quartal auch als Druckausgabe gibt. Letztere wird kostenlos unter Jugendlichen verteilt, weshalb die Aufmachung der Zeitschrift auch nicht so reißerisch sein muss wie bei anderen Blättern, die um die Gunst der Leser buhlen müssen.
Schließlich hatten wir noch ein Treffen mit Vertretern von Jugendorganisationen deutscher Parteien. Ich war beeindruckt davon, wie verschieden sie waren und wie die „Erwachsenenparteien“ sich ihren Nachwuchs heranziehen, indem sie ihn in die Kunst der Politik einweisen. In Dagestan arbeitet einzig die Regierungspartei so mit ihrem jugendlichen Nachwuchs.

Haus der Kulturen der Welt

Der Park vor dem Haus der Kulturen der Welt ganz in der Nähe des Brandenburger Tors hat bei mir wohl den tiefsten Eindruck hinterlassen. Überhaupt überraschte Berlin mich immer wieder mit seinem Nebeneinander von Betriebsamkeit und Ruhe. Nach dem Grau von Straßen und Plätzen versetzten mich die impressionistisch anmutenden gelben und roten Farbkleckse im Tiergarten sogleich in eine freudig-erregte, wunderbar leichte Stimmung. Die Luft wollte mit dem ganzen Körper eingesogen werden. Die Augen saugten sich in dieser Luft an jedem Baum, jedem Blatt fest, um die Schönheit in sich aufzunehmen. Dieser Wunsch nach Schönheit war so egoistisch, dass er sogar den beruflich bedingten Fotografiertrieb unterdrückte. Mit war klar, dass das Objektiv den Eindruck zerstören würde, auf dem Foto würde nur ein lebloses Abbild der Natur zu sehen sein. Ich musste also versuchen, diese Verbindung des leicht bitteren Geruchs und der Farben des Herbstes in mir zu bewahren.
Wir hatten noch 10 Minuten Zeit bis zum Termin im Haus der Kulturen der Welt, weshalb meine Begleiterin und ich langsam gingen und uns die geheimnisvollen Holzbauten ansahen, die einige Bäume schmückten und an Nistkästen erinnerten. Und plötzlich… ertönten seltsame, magische Klänge. Das Tönen füllte alles aus, drehte sich mit den fallenden Blättern, wirbelte über das unter unseren Füßen verstummte Laub. Die Realität war weit weg, irgendwo in einer anderen Dimension. Die Seele lauschte dem Klang der Bäume voller Furcht, ihn zu verschrecken, und war außerstande, den Körper wieder in seinen irdischen Alltag zurückzuholen.

Quelle der Magie war ein Turm, in dem sich ein Carillon befindet – ein großes, aus 68 Glocken (die größte mit einem Gewicht von 7,8 Tonnen) bestehendes Musikinstrument mit einer Klaviatur, die einen Tonumfang von fünfeinhalb Oktaven abdeckt. Es ist eines der größten Carillons in Europa und das viertgrößte auf der Welt. Der Carillonneur sitzt inmitten der Glocken in einer Spielkabine und betätigt mit Händen und Füßen die Tasten und Pedale. Das geschieht einmal in der Woche für 5-10 Minuten, und ich hatte das Glück, genau in diesem Moment dort zu sein. Aber jetzt mal schön der Reihe nach.
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03 2010

Wozu sind die Hände da und was machen die Füße?

Von Diane Hielscher

Berlin Gesundbrunnen – ein ganz hervorragender Ort, um sich mit Tracern zu treffen findet Juri, mein russischer Kollege. Hier sind wir mit Alex von ParkourOne verabredet.

Tracer sind Menschen, die die Sportart Parkour ausüben und Parkour heißt: den schnellsten Weg zu einem Ziel finden und dabei alle Hindernisse überwinden. Zum Beispiel einen Brunnen, einen Gesundbrunnen.

Wir setzen uns ein Café, Alex (23) ist Head-Coach bei Parkour One, einer Community von Tracern, die auch Workshops und geführte Trainings anbietet. Er hat Maria (23) mitgebracht, die erst sei Kurzem bei so einem geführten Training mitmacht.

Die Idee für ParkourOne kam von Freunden aus der Schweiz, erzählt Alex. Jetzt haben er und seine Freunde Martin und Ben auch hier in Berlin ein Parkour One eröffnet, sie haben eine GmbH gegründet.  Mittlerweile hat die Gesellschaft etwa 150 Kunden, aber das lässt sich schwer sagen, immerhin gehen die drei auch oft an Schulen, um einmalige Workshops anzubieten. Etwa 50-60 regelmäßige Tracer gibt in Berlin und dann vielleicht noch mal 100 Leute, die unregelmäßig in der Stadt Trainieren, über Mauern und andere Hindernisse springen.

PNJ: Wie bist Du zu Parkour gekommen?

Alex: Ich hatte eine Dokumentation im Fernsehen über Tracer gesehen und die hat mich so begeistert, dass ich das auch machen wollte. Ich hab zuerst ganz allein trainiert, auf den Straßen, hab mit Informationen im Internet geholt und mir Videos von anderen Tracern auf Youtube angesehen.

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03 2010

Oi, “Plush Fish”!

Von Juri Schinkarenko

„Wir brauchen Punks. Besser gesagt Hardcore-Punks. Echte Straight edger. Kannst du welche besorgen?“ lautete die Anfrage.

IMG_7224Gebraucht wurden die Punks für eine deutsch-russische Jugendbegegnung: aus verschiedenen deutschen Städten sollten Journalisten nach Moskau kommen, die zu Jugendkulturen recherchieren. Und die sollten ein richtig gutes Interview machen können. Aber dummerweise hatte ich keinen einzigen Punk an der Hand. Wäre ich in Jekaterinburg gewesen – da habe ich jede Menge junge Punks in meinem Bekanntenkreis. Total strenge Straight edger und andere.
In Moskau hingegen…!
Gewiss kenne ich einige der heiligen Orte der Moskauer Punk-Szene. Ich bin schon diverse Male an der „Zoj-Mauer“ auf dem alten Arbat gewesen. Aber so richtig vertraut: „Oi, Punks!“ – „Oi, Juri!“ – bin ich hier mit niemandem.

Ich war betrübt. Aber nicht lange. Keine Zeit, Tränen zu vergießen, schließlich stand womöglich das Schicksal der deutsch-russischen Beziehungen auf dem Spiel!
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03 2010

“Jeder Mensch braucht die Gesellschaft”

Von Esther Lerrahn

Wenn man den Schätzungen glaubt, engagiert sich maximal ein Prozent der Russen freiwillig und ohne Bezahlung. In Europa, heißt es, arbeiten stattdessen rund 70 % der Bevölkerung ab und an ehrenamtlich.

Svieta Russnojo, Direktorin des Kinderhilfsfonds „Djetskije Domiki“, hat dafür eine Erklärung: Ich würde sagen: Das hängt mit der russischen Mentalität zusammen! Die Leute helfen sich schon gegenseitig – aber eher innerhalb der Familie. Es gibt bei uns ein Sprichwort: Trag deinen Dreck nicht vor die Tür deines eigenen Hauses.

Das ist Quatsch, sagt Studentin Maria. Für sie hat die eher geringe Hilfsbereitschaft in Russland einen anderen Grund. Read the rest of this entry →

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03 2010